Gedruckt zu Ursel

Auswertung der Druckvermerke: Personen

Der dritte markante Zeitabschnitt im Bestehen der Urseler Druckerei reicht vom Ende (Tod?) des Sutorius 1606 bis zum Stadtbrand 1623. Davon bleibt die Zeit von 1610-16 ohne nachgewiesenen Druck. Der Betrieb lag still. Die einzigen, in den bisherigen Verzeichnissen genannten Werke, UD 405 (1611) und UD 406 (1616) sind nicht in Ursel gedruckt worden. Der Nachweis wird im Abschnitt zu den Druckorten geführt.

Es bleiben für den funktionierenden Betrieb nur 11 Jahre, für die 55 Drucke nachweisbar sind. In deren Druckvermerken erscheinen insgesamt 16 Personen, die in Herstellung und Vertrieb unterschiedliche Funktionen wahrgenommen haben: Eigentümer, Drucker, Verleger, Buchhändler. Der Unterschied zur Arbeitsweise des Nicolaus Henricus, der in den 43 Jahren seiner Tätigkeit und 366 Drucken nur zwei Personen außer seinem eigenen Namen nennt, Sigmund Feyerabend und Peter Braubach, ist offensichtlich. War er noch ein klassischer Drucker, der als Eigentümer der Werkstatt den gesamten Produktionsprozess vom Manuskript über die Gestaltung, die Kalkulation, die Herstellung bis zum Vertrieb leitete, so hatte sich das Berufsbild gravierend verändert, nicht nur in Ursel. Die Verleger hatten die führende Position eingenommen und die Drucker waren zunehmend in ihre Abhängigkeit geraten. Um den Veränderungsprozess am Beispiel der Oberurseler Druckerei aufzuzeigen, sind die 16 Namen mit kurzen Erläuterungen im Folgenden aufgeführt, ergänzt um vier weitere Personen, die als Väter im ersten Taufregister der Gemeinde die Berufsbezeichnung „typographus“ tragen.

Bellerus, Gasparus ist als Drucker in Antwerpen zu Hause. Nur vier Drucke werden 1606 und 1607 in Ursellis mit den Typen des Cornelius Sutorius hergestellt, wobei zwei identisch sind, und nur die Jahreszahl 1606 in 1607 geändert wurde (UD 508Z, 509Z, 510Z, 511Z). Ob dieser überschaubare Auftrag ein Versuch für ein längerfristiges Engagement Bellers war und ob Balthasar Lipp von Mainz aus bereits eine Übernahme der zurückgelassenen Druckerei des Sutorius für eine Zweigstelle eingeleitet hatte, bleibt ungeklärt. Auf jeden Fall druckt Bellerus in Antwerpen weiter wie bisher.


Busch, Bartholomäus stammte aus Ursel, war dort ab 1609 Rektor der Schule, ab 1621 Amtsschreiber in Königstein, Amtmann in Bommersheim (1624) und dann Keller (d.i. Amtsverwalter) in Vilbel (1626). Busch war wohlhabend und als gewählter Märkermeister der Hohe Mark Waldgenossenschaft (1624-1636) Widerpart des Homburger Landgrafen, der die Markerträgnisse für seine Zwecke nutzen wollte. Er war im Buchdruck und-handel fachfremd, sah aber in der Zeit nach Lipp und den unproduktiven Jahren bis 1617 neben seinen verschiedenen Tätigkeiten noch eine gewinnversprechende Investition (Kauf der sanierungsbedürftigen Druckerei etwa Jahresende 1617). Er handelte als Eigentümer und erscheint deshalb auch bei einigen Drucken namentlich (UD 411, UD 412, UD515Z, UD517Z, UD432). 1624 kaufte er auch noch von Anton Hierat (Köln) die Papiermühle in Ursel für 3.000.- Gulden. UD 527Z mit dem Erscheinungsjahr 1625, Vrsellis, weist nach der Zerstörung im Brand 1622 auf einen versuchten, aber vergeblichen Neuanfang hin. In einem späteren Gutachten zur Sanierung der Papiermühle schreibt der Beauftragte zu B. Busch: „…derzeit (1624)Verleger der Buchdruckerey zu besagtem Ursel.“[Baeumerth, S. 129 ff]

Butgen, Conrad, Drucker in Köln, (1601-1628), der bei UD 411 2.Band, und UD 515Z für den fachfremden Bartholomäus Busch in Ursel die Verlegertätigkeit übernahm. Gelegentlich kooperiert er mit Balthasar Lipp (Mainz) und Lambert Raesfeldt (Münster), die beide in dieser Liste genannt sind.[Reske S.500]

Fischer, Johan, „typographus“, dessen Tochter Margarethe am 11.10.1619 in Ursel getauft wird, hat nach der Wiederinbetriebnahme der Druckerei durch Bartholomäus Busch dort gearbeitet [Taufregister, StA.Oberursel]

Gymnich IV. Johann war Drucker, gelegentlich auch Verleger, in Köln, 1597-1634. Er kooperierte mehrfach mit seinem Stiefvater Anton Hierat (Köln) und Lambert Raesfeldt in Münster. UD 403 und 404 verlegt er gemeinsam mit Raesfeldt und Balthasar Lipp druckt in Ursel. [Reske, S.497]

Hartmann, Johann wird als Urseler Bürger und „typographus“in der Taufmatrikel genannt. 1609 hat er Catharina geheiratet und 1610 und 1612 sind zwei Kinder getauft worden. Ob er der gleiche Johann Hartmann ist, der von 1617-1631 in Molsheim (Elsaß) für die dortige Akademie druckt, muss offen bleiben. Die Daten zum Betrieb der Urseler Druckerei und ihrer „unproduktiven“ Zeit sprechen jedenfalls für die Identität. [StA Oberursel, Reske S.669.]

Hierat, Anton, gelernter Drucker, später vor allem Verleger und Buchhändler in Köln, der auch Aufträge nach Mainz und Ursel vergab, dorthin 16 teils sehr umfangreiche Werke katholischer Theologen. Bis 1624 war er auch Eigentümer der Papiermühle in Ursel. In der Stadt Köln bekleidete er zahlreiche öffentliche Ämter und starb 1627 auf einer Reise zur Frankfurter Buchmesse. [Reske, 497]


Titel UD 512Z
Auf dem Titelblatt von UD 512Z werden Verlagsort und Verleger klar genannt. Druckort und Drucker rücken unauffällig an das Ende des dreibändigen Werkes. Die Prioritäten haben sich verschoben.

Junghen, Wendel stammt aus Ursel, ist ca. 1582 geboren und hat bei Melchior Hartmann in Frankfurt eine Lehre als Drucker absolviert (1600-1602). In der Liste der ledigen Druckergesellen in Ffm erscheint er 1603. [IfS, Ffm. Handwerkerbücher 150]. Im Verzeichnis von 361 Punkten, in denen nach dem Fettmilchaufstand in Frankfurt 1616 Vorwürfe gegen die Juden zusammengetragen werden, wird in art. 17 vermerkt, dass der Jude Meyer zur Leiter dem minderjährigen Buchdruckergesellen Wendel Junghen 20 fl. geliehen hat, für die Melchior Hartmann, damaliger Bürger und Buchdrucker , jetzt Speyer, gebürgt hat. [StA. Würzburg, M.R.A. III 144 II und 112]. Bei den Unterschriften der Drucker, die sich als Mitglieder der Frankfurter Buchdruckergesellschaft dem Kaiserlichen Mandat im Kontext des Fettmilchaufstandes am 26.Oktober 1614 unterwerfen, steht an letzter Stelle auch Wendel Junghen. [StA. Würzburg, MR AIII Kaiserliche Kommission 130II] .
Als Drucker in Oberursel erscheint Junghen namentlich von 1617 - 1620 mit 11 Drucken und noch einmal 1623. Die Erwähnung seiner Witwe in einem Abgabenregister zeigt seinen Tod spätestens 1623 an.

Keerberg, Ioannes (Antwerpen) erscheint als Verleger in einer Teilauflage von UD 512Z. Den anderen Teil verlegt Anton Hierat (hier: Mainz). Abgesehen von den unterschiedlichen Angaben im Impressum ist das gesamte umfangreiche Werk von Lipp in Ursel gedruckt.

König Jacob Ausser der Namensnennung als Verleger der drei Bände von Del Rio, 1606, (UD 401, UD 506Z, UD 507Z) gibt es noch keine Angaben zur Person.

Lipp, Bartholomäus, (+ 1623) ein katholischer Drucker, wurde 1590 Frankfurter Bürger. Er hatte von Johann Feyerabend die halbe Druckerei gekauft und versuchte vergeblich im Bartholomäusstift eine katholisch orientierte Druckerei einzurichten. 1598 ging er nach Mainz und seine Frankfurter Bürgerrechte wurden aberkannt. Drucke mit seinem Namen sind aus der Frankfurter Zeit nicht bekannt. Er druckt ab 1599 für Mainzer und Kölner Verleger und betreibt zeitweise Filialen in Oberursel (UD 403, UD 404, UD 512Z), in Aschaffenburg (1620/23) und in Höchst (1610/13) [Reske, S.263, 646]


Meckel, Wendel stammt aus Oberhöchstadt (bei Oberursel) und hat Catharina, die Tochter des lutherischen Pfarrers Jung dort geheiratet. In einer familiären Angelegenheit wird er aktenkundig: Er bittet den Kurfürsten, gemeinsam mit dem Bruder seiner Frau und einem weiteren Schwiegersohn, dem „Vatter“ eine Strafe von 100 Reichstalern zu erlassen. Diesem wird vorgeworfen, eine Eheschließung vollzogen zu haben, obwohl die Frau in Frankfurt noch verheiratet gewesen sei. Sie ist Anna Maria, Frau des Johann Theobald Schönwetter(s.d.) und Tochter des Druckers Johann Spies. [St.A.Würzburg, Mainz, Korr.Lade 640, Nr.2359]
Meckel ist Druckergeselle in Frankfurt gewesen (In der Liste der ledigen Druckergesellen in Ffm. 1604) [IfS. Ffm. Handwerkerbücher 150] bevor er neben Wendel Junghen 1620 in Ursel auf eigene Rechnung und auch für den Verleger J.Th.Schönwetter druckt. Zu seiner Tätigkeit im Rahmen der Messrelationen 1620 - 1623 Einzelheiten im übernächsten Abschnitt dieses Kapitels.

Neben, Conrad Nach seiner Tätigkeit in Lich als Drucker arbeitete Neben von 1603-07 in Frankfurt/Main als Verleger. UD 402 [Reske, S. 825)

Palthenius, Zacharias, in Friedberg 1570 geboren. Nach Studium in Marburg Korrektor in der Druckerei von Johann Wechel, heiratet er 1594 dessen Witwe und führt die Offizin mit 5 Pressen bis 1614/15 weiter. Er pflegt häufig eine erklärte Kooperation mit Kollegen, wie z.B. die Bezeichnung „Collegium musarum Novenarum Palthenianum“ im Druckvermerk ausweist. Kooperation mit Sutorius in Ursel ist nachgewiesen. Wenn die Formulierung im Impressum von UD 505Z in der Abfolge des Jahres 1606 auf das Ende(Tod) des Cornelius Sutorius gedeutet wird, dann vollendet Palthenius dessen letzte große Produktion im Sommer 1606. [UD 505Z, Reske, S.262] Er eröffnet die Reihe der „Nachfolger“ in der Urseler Druckerei.

Pfeifer, Hieronymus, ist bei der Befragung 1605 Bürger in Ursel und Buchdrucker. Er sagt, er könne sich da mit seinem Handwerk nicht ernähren und wolle „entweichen“. Da aber im Taufregister von Ursel 1605, 1606 und 1609 weitere Taufen verzeichnet sind, ist anzunehmen, dass er doch , dann mit Balthasar Lipp, weitergearbeitet hat. Im Bethregister von 1607 erscheint er mit einer Zahlung von 1fl., 13alb. 1gr. [StA Oberursel]

Raesfeldt, Lambert kam 1589 von Köln als Drucker nach Münster (dort 1591-1617). Bei UD 403 und 404 erscheint er, gemeinsam mit Johannes Gymnicus (Köln), als Verleger für einen Druck von Balthasar Lipp in seiner Filiale in Ursel. [Reske, S.690]


Titel UD 404
Während sich auf der Titelseite von UD 404 Balthasar Lipp als Drucker v o r den Verlegern nennt, werden im Katalog der Neuerscheinungen auf der Frankfurter Herbstmesse 1608 nur die beiden Verleger angezeigt. Dies ist ein weiterer Beleg für den Wandel der Priorität vom Drucker zum Verleger.

Schönwetter, Johann Theobald, Verleger wird als Frankfurter Bürger in der Taufmatrikel von Ursel genannt, weil seine Tochter Margarethe am 12.12.1601 dort getauft wurde. Dabei wird jedoch verschwiegen, dass Margarethe nicht seine Tochter war. Seine Ehefrau Anna Maria war die Tochter des Druckers Johann Spies, der aus Oberursel stammte. In den Jahren 1619/20 ließ Schönwetter insgesamt 7 Drucke in Ursel herstellen. Der Grund kann in Auseinandersetzungen mit dem Rat der Stadt Frankfurt oder mit der Bücherkommission liegen. Bereits 1601 hatte Schönwetter Aufträge nach Ursel vergeben, damals Sutorius als Drucker, UD 322 und 444N. [Starp, S. 670f.]

Schönwetter, Johann Gottfried, Sohn des Johann Theobald Schönwetter, 1609 geboren und als er im Impressum von UD 419 als Verleger genannt wird, d.i. 1620, gerade 11 Jahre alt. Es handelt sich wahrscheinlich um ein Täuschungsmanöver des Vaters.

Stein, Nikolaus, war Zinserheber für das Bartholomäus Stift und öffentlicher Notar in Frankfurt. Gleichzeitig war er ein rühriger Verleger, besonders musikalischer Werke. Nachdem er bereits dreimal mit Cornelius Sutorius in Ursel zusammengearbeitet hatte, gab er 16 Jahre später noch einmal zwei Aufträge (Notendrucke) an die Urseler Druckerei (UD 412 und UD 517Z).

Weidtmann, Georg, ein „typographus“, dessen Sohn im März 1607 in Ursel getauft wird, muss in der Druckerei zur Zeit des Balthasar Lipp gearbeitet haben. [Pfarrmatrikel, StA Oberursel]


Für den gesamten bezeichneten Zeitraum fehlt für den Betrieb der Urseler Druckerei eine bestimmende Zentralfigur. Zunächst werden die unverkauften Lagerbestände der Cornelius Sutorius und die Verschuldung der aufgegebenen Werkstatt eine reibungslose Weiterführung verhindert haben. Balthasar Lipp zeichnete 1608/09 verantwortlich für den Betrieb einer Mainzer Filiale. Vor der Ruhezeit 1610 - 1616 sind die vier Jahre von Plänen, Initiativen, meist nicht erfolgreich, und spontanen Projekten gekennzeichnet.
Ab 1617 wird in den Überlieferungen Wendel Junghen als Betreiber der Druckerei genannt. Wendel Meckel bleibt mit nur einem Druck (Es sind tatsächlich 17!) weithin unbekannt und Bartholomäus Busch wird als Druckergeselle oder Faktor zugeordnet. [Benzing, Buchdruckerlexikon, 19822, S.370 und Kopp, 1964]. Die nun erfolgte Auswertung aller relevanten Informationen ergibt ein differenziertes Bild für den Personenkreis, der mit unterschiedlichen Interessen am Funktionieren einer Druckerei in Ursel 7 Jahre mitgewirkt hat:

Bartholomäus Busch war fachfremder Eigentümer, aber auch engagierter Förderer.

Wendel Junghen, Druckergeselle in Frankfurt, konnte in seiner Heimatstadt seinen Lebensunterhalt verdienen und im Kreis seiner großen Familie leben.

Wendel Meckel, ebenfalls Druckergeselle in Frankfurt, machte sich 1620 selbständig und hoffte auf eine langfristige Tätigkeit in der Herausgabe katholisch orientierter Messzeitungen.

Anton Hierat, Kölner Verleger, sorgte für die erforderlichen Aufträge und nutzte den Standortvorteil zum Messeort Frankfurt.

Johann Theobald Schönwetter, Verleger in Frankfurt, hatte schon 1601 mit Hilfe des Druckortes „Ursel“ Verbote des Frankfurter Rates umgehen können. 1619/20 sah er sich erneut dazu gezwungen.

Setzer und Drucker, deren Familien in Ursel wohnten, konnten statt in Frankfurt in Ursel Arbeit finden.

Kurfürst Johan Schweikhardt als Landesherr betrachtete die Tätigkeit der Urseler Druckerei als Förderung katholischen Glaubens mit Wohlwollen.


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