Gedruckt zu Ursel

Noch einmal: Messzeitungen

In den ersten Jahren der Frankfurter Meßzeitung (1591-95) war Ursel ein zentraler Ort für deren Druck. Den Versuch eines anderen Konzepts durch den Postschreiber Andreas Striegel (1602-03) druckte Cornelius Sutorius und auch in den letzten Jahren der Urseler Offizin gab es eine Reihe von Meßzeitungen, die Ursel als Druckort ausweisen. Hier ist der Drucker Wendel Meckel die treibende Kraft. Insgesamt 14 Ausgaben zwischen 1620 und 1623 nennen ihn ausdrücklich oder setzen seine Mitwirkung voraus.

Meckel wird 1604 als Druckergeselle in Frankfurt genannt [IfS Ffm. Handwerkerbücher 150]. Er ist etwa 1580 in Oberhöchstadt (bei Oberursel) geboren. 1605 heiratet er Catharina Jung, Tochter des lutherischen Pfarrers Michael Jung in seinem Heimatort. 1606 wird der Sohn Johannes, 1608 der Sohn Pankratius geboren. 1616 läßt das Ehepaar den Spätgeborenen Wendel taufen. Bei ihm ist Wendel Junghen Pate.

Im Jahr 1607 wird in der Urseler Einnahmerechnung bescheinigt, dass Wendel Meckel von Oberhöchstadt für seinen Besitz in Ursel 1 Gulden, 17 Albus, 1 Groschen Grundsteuer bezahlt.


Skizze Königstein mit Oberhöchstadt
Oberhöchstadt ist ein Dorf nahe der Stadt Oberursel. Eine Skizze von 1704 zeigt das kurfürstlich mainzische Amt Königstein. Unterhalb der Stadt Oberursel ist auch die Papiermühle eingezeichnet („k“). [aus: Helmut Bode, „Oberhöchstadt“, S.170]

Bei den in Würzburg und Frankfurt erhaltenen Akten, in denen Meckel und der Frankfurter Verleger Johann Theobald Schönwetter eine Rolle spielen, handelt es sich um folgenden Vorgang:

Im November 1596 heiratet der Buchhändler Johann Theobald Schönwetter aus Mainz in Frankfurt Anna Maria, Tochter des Druckers Johann Spies. Als Schwiegersohn des erfolgreichen Druckers wird Schönwetter einige Monate später in Frankfurt als Bürger angenommen. Die Ehe scheitert. Am 19.Mai 1601 wird Anna Maria der Stadt verwiesen, weil sie dreimal Ehebruch mit dem Schulmeister Balthasar Korb begangen hat. Eingaben des Vaters Johann Spies auf Strafminderung werden zurückgewiesen. Nach der Ausweisung traut nun der Oberhöchstadter Pfarrer Michael Jung das Paar Balthasar und Anna Maria. Vater Johann Spies, der aus Oberursel stammt und den der Pfarrer persönlich kennt, hat ihn überredet. Dieser legt sogar eine beglaubigte Vereinbarung vor, „seine Tochter und ihr erster Ehemann hätten sich verglichen, dass jeder von ihnen Macht haben sollte, sich anderwärts seines Gefallens zu verehelichen.“ Trotzdem besteht die Ehe mit Schönwetter noch und Pfarrer Jung erhält einige Zeit später vom Oberamtmann in Königstein eine Strafe in Höhe von 100 Reichstalern.

Darauf wenden sich der Sohn Johann und die Schwiegersöhne Jacob Anthoni und Wendel Meckel an den Kurfürsten und bitten am 9. April 1606 um Erlaß oder wenigstens um Reduzierung der Strafe für „ihren armen Vatter“, der doch schon durch die Ausweisung im Zuge der Rekatholisierung genug gestraft sei. Wie der Fall schließlich endete, bleibt offen. [StA Würzburg, M.R.A. H 2359]


Schreiben mit Unterschrift von Wendel Meckel
Das Schreiben mit der Bitte um Erlaß einer Strafe von 100 fl. für den lutherischen Pfarrer Michael Jung ist von dessen Sohn Johann und den Schwiegersöhnen Wendel Meckel und Jacob Anthon, Einwohner von Oberhexstadt unterschrieben. [StA. Würzburg, MRA H 2359]

In der Taufmatrikel von Ursel wird für den 12.12.1601 eingetragen, dass die Tochter der Anna Maria Spies, Margarethe, getauft wurde. Sie ist die Frau des Frankfurter Bürgers Johann Theobald Schönwetter. Vater des Kindes muß dann aber Balthasar Korb gewesen sein. Die Schwangerschaft hatte zwei Monate v o r der Ausweisung begonnen.

In diesem so unübersichtlichen Beziehungsgeflecht wird deutlich, wie sehr die persönlichen Bezüge und die geschäftlichen Verbindungen in einem überschaubaren Gebiet miteinander verwoben waren.

So ist es nicht verwunderlich, dass die Beteiligung von Wendel Meckel am Betrieb der Urseler Druckerei mit dem Verlag Schönwetters und Aufträgen von ihm im Zusammenhang steht. Im Herbst 1619 erhält Schönwetter auf seinen Antrag hin ein kaiserliches Privileg zum Druck von halbjährlich erscheinenden „Historischen Relationen“, also Messzeitungen. In einer „Vorrede an den Günstigen Leser“ teilt der Verleger nicht nur einen Extrakt des Privilegs mit, sondern betreibt auch kräftig Werbung für sein Produkt. Die bestehende Unordnung auf dem Markt der Berichterstattung soll erneuert und geordnet werden. Künftig soll niemand sich mit Unwissenheit entschuldigen können, sondern zuverlässige Nachrichten werden bekanntgemacht.

Zur Frühjahrsmesse 1620 erscheint die erste Ausgabe. Autor ist Michael Lundorp und Drucker Wendel Meckel in Ursel. Johann Theobald Schönwetter als Verleger wählt nicht nur diesen Druckort, um möglichen Ärger mit dem Rat der Stadt Frankfurt zu vermeiden, er ersetzt auch seinen Vornamen durch den seines Sohnes Johann Gotfried, der damals gerade 10 Jahre alt war.

Bereits zur folgenden Herbstmesse bot der Verleger zur Absatzförderung eine weitere Ausgabe an, die abgesehen vom oberen Teil des Titelblattes mit den anders formulierten Holzschnitt-Zeilen und dem Druckvermerk am Seitenende, im Ganzen identisch war. Deshalb war diese Dublette ebenfalls in Ursel bei Meckel gedruckt worden (UD 420 und UD 519Z).


Titelblätter UD 420 und UD 519Z
Die Titelblätter der Messzeitungen aus dem Verlag Schönwetter vom Herbst 1620 dienen dem Vergleich der identischen Ausgaben, die sich nur durch den Neusatz des ersten Blocks oben und des Druckvermerks unten unterscheiden. [UD 420 links und UD 519Z rechts]

Bereits nach Erscheinen der dritten Ausgabe vom Frühjahr 1621 wird dem Verleger Schönwetter das Privileg wegen nicht-katholischer Berichterstattung entzogen. Weil der bisherige Absatz sehr gut gewesen war, wollte Wendel Meckel die Chancen auf weiteren Umsatz und Gewinn nutzen. Schönwetters Name verschwindet ab Herbstmesse 1621, auch für die zukünftigen Ausgaben, und Meckel kündigt „dem günstigen lieben Leser“ eine Weiterführung in klar katholischem Sinn an:

„Damit aber Latomus (der Konkurrent in Frankfurt) die Weide nicht allein an sich ziehe, habe ich, Wendel Meckel von Ober Ursel, unter dem Erzbis- und Churfürstentum Mainz, jetzt anfangs wie auch künftigen Messen eine wohl verantwortliche Historische Relation unter meinem Namen in offenem Druck ausgehen zu lassen vorgenommen, darinnen rechte Ordnung und möglichen Fleißes die Wahrheit jederzeit soll vor Augen gestellt werden.“ Meckel schließt mit dem Wunsch, „der liebe getreue Gott wolle alle verstockten und verführten Herzen erleuchten, daß der völlige Gehorsam reichlich unter uns wohne … und künftige Zeit diese meine Relation desto freudiger durchlesen möge. Amen.“

Bei den folgenden Ausgaben von Messzeitungen, die Meckel verantwortet, wirkt wieder der Historiker Michael Lundorp als Autor mit. Bei den Messen im Herbst 1622 und im Frühjahr 1623 stellt Meckel aus vertriebstechnischen Gründen erneut Dubletten her, wie es Verleger Schönwetter kurze Zeit vorher bereits erprobt hatte. Eine Ausgabe sagt im Druckvermerk „Franckfurt am Main zu finden“, die andere „Gedruckt zu Ursel bey Wendel Meckel“ (UD 523Z und UD 524Z, UD 431 und 525Z).


Kupferstich aus UD 519Z
Der Kommandierende der spanischen Truppen in den Niederlanden, Ambrosio Spinola, fiel im August 1620 mit einem Heer in die Kurpfalz ein. Die Messzeitung (UD 519Z) illustriert den Vorgang in einem beigehefteten Kupferstich.

Der auffällige Wechsel in der Konfession des Wendel Meckel sieht aus heutiger Sicht nach leichtfertiger Anpassung aus. Zuerst lutherisch getauft und erzogen, die Tochter eines lutherischen Pfarrers geheiratet und dann kurze Zeit später Kämpfer für den obrigkeitlich verordneten Gehorsam gegenüber der römisch-katholischen Kirche durch „ordentliche“ Nachrichtensammlungen. Die Konfessionszugehörigkeit war damals aber noch nicht verbindliches zu dokumentierendes Merkmal jeder Person. Sogenannte „Übertritte“ gab es noch nicht und die Tauf, Trau- und Sterberegister, sogenannte „Kirchenbücher“, wurden erst nach und nach pflichtmäßig geführt. Ausschlaggebend war allein welcher Gottesdienst besucht, welche Predigt gehört, welcher Ritus befolgt wurde. Als die lutherischen Bürger Ursels 1605 zur alten Religion zurückkehren sollten wurde nur von ihnen gefordert, an Allerheiligen zu beichten und die Heilige Communion zu empfangen, gespendet von einem katholischen Priester. Wenn Wendel Meckel wegen des Familienverbundes, wegen Haus, Hof und Acker, wegen seiner Druckwerkstatt in Ursel blieb und sich um der Aufträge willen katholisch gab, so konnte er sich dabei aber auch auf die Argumente zum Kirchenverständnis stützen, wie sie die Gemeinde in ihrer zweiten Bittschrift an den Kurfürsten vertreten hatte: Die Gemeinsamkeiten im Glauben an den gleichen Gott und seinen Sohn Jesus Christus sollten schwerer wiegen als die nachbiblischen Merkmale, die trennen.

© 2017 - Manfred Kopp