Gedruckt zu Ursel

Auf Expansionskurs

Nach den ersten drei Drucken, die Cornelius Sutorius als Verleger in Frankfurt in Auftrag gab, leitete er mit der Übernahme der Offizin in Oberursel den Aufbau seines Unternehmens ein. Dabei bot die im Vergleich zu den großen Werkstätten in der Messestadt kleine Druckerei am Taunusrand einen besonderen Vorteil: Sie lag im kurmainzer Gebiet und hatte im Genehmigungsverfahren für die Druckfreigabe einen kurzen Dienstweg. In Königstein war der Oberamtmann dafür zuständig, seit Sommer 1601 Johann Reichardt Brömser von Rüdesheim. Zwar führte er die Anweisungen aus Mainz im Blick auf die Wiederherstellung des „alten Glaubens“ in der Grafschaft gehorsam aus, aber im Blick auf die Zustimmung zur Buchproduktion in der Urseler Druckerei zeigte er keine konfessionell enggeführte Denkweise.
Deshalb widmet Sutorius der Gemahlin des Oberamtmanns, Margarethe aus dem Hause Kronberg, seine verbesserte Auflage des Arzneybuchs von Christoph Wirsung (UD 394). Darin betont er ausdrücklich, dass er von dem Oberamtmann „hochrühmliche Wohltaten und Beförderungen empfangen habe.“ Er kann die „großen Gutthaten weder im Ganzen noch in Teilen vergelten“. So soll das vorliegende Werk der Gemahlin gewidmet sein und als „ein geringes Vergelten in allem zum Besten vermerkt sein“.
Er unterzeichnet die Widmung: „Ursel, den 1. April/ Anno 1605, in Ehren dienstgeflissener Cornelius Sutorius, Bucktrucker in Ursel.“ Wenige Wochen vorher hatte Reichardt Brömser sein Amt als Vicedom am kurfürstlichen Hof in Mainz angetreten.
Ein Beleg für das Genehmigungsverfahren durch den Oberamtmann in Königstein findet sich in den Akten zu Nicodemus Frischlin, (HStA Stuttgart, A 274, Bü. 48) der sich im Frühjahr 1590 zum Druck einiger Bücher in Oberursel aufhält. Im Auftrag des Gernand von Schwalbach, kurmainzischer Oberamtmann, teilt der Amtsschreiber Caspar Kölln aus Königstein mit, "wo ferner nichts davon geendert werde, wie dann demselben vertrauen zu euch, sei er wohl zufrieden, dass solche 'Composition' zu Ursel gedruckt werde."

Sutorius hatte die Lage seiner Druckerei zwischen dem Königsteiner Amt und dem Frankfurter Buchhandel gut genutzt. Dies zeigt die Übersicht über seine Produktion, die etwa zur Hälfte auf Kosten von Verlegern, zur Hälfte auf eigene Kosten hergestellt wurde.
Die erste Spalte nach der Jahreszahl zeigt die Zahl der Druckwerke, die zweite ihren Umfang an zu bedruckenden Bogen.


Jahr Drucke Bögen
1597 1 19
1598 3 34
1599 9 202
1600 12 399
1601 17 846
1602 25 1.033
1603 18 651
1604 9 281
1605 8 530
1606 5 380
Aus diesen Zahlen geht nicht hervor, dass die Menge der zu setzenden Typen pro Bogen von der Schriftart abhing, die gewählt wurde. Im Vergleich zu den deutschen Texten in „Schwabacher“ oder „Fraktur“ bei Nicolaus Henricus, war die „Antiqua“ bei den lateinischen Texten des Sutorius zeitaufwendiger. Meine exemplarischen Zählungen für eine bedruckte Seite im Oktav-Format ergab bei Henricus 864, bei Sutorius 2.000 Typen (Spatien = Zwischenräume inclusive). Im Quart-Format waren 1716, bei Sutorius 3.300 Griffe des Setzers in den Kasten erforderlich. Der Zeitaufwand für die Fertigstellung einer Form konnte also sehr unterschiedlich sein und Sutorius hatte etwa 75%, Henricus nur 25% seiner Druckwerke in lateinischer Sprache, also mit kleinen Schrifttypen, unter der Presse.
Die folgenden, im Format gleichen Seiten, sollen den Unterschied verdeutlichen.


Titelblätter UD 199 und UD 322
Links: Seite H2r , 1585 bei Henricus gedruckt (UD 199).

Rechts: Seite Hh1r, 1600 bei Sutorius gedruckt (UD 322), beide im Format 4° = Bogen zweimal gefaltet. Verhältnis der Typenzahl: 1716 : 3300.

Um eine annähernde Vorstellung von der Zahl der Druckvorgänge zu bekommen, die im Jahr 1602 für die Drucke mit „Ursellis“ im Impressum erforderlich waren, versuche ich eine Überschlagsrechnung: 1033 Bogen, beidseitig zu bedrucken (Schön- und Widerdruck, d.i. Vor- und Rückseite), das sind 2066 Pressdrucke. Bei einer durchschnittlichen Auflage von 500 Exemplaren sind das 1.033.000 Pressdrucke an 284 Arbeitstagen. Auf nur einer Presse? In der kleinen Druckerei gleich neben der Kirche? In Ursel, von einer Mauer umgeben? - Wie soll das geschehen?
Hinzu kommt, dass Sutorius auch sein Programm erweiterte. Wenn er 1604 in einem Chorwerk von Valentin Coler, Erfurt, im Impressum ankündigt: „Ex officina Musica Cornelij Sutorij“ und einen umfangreichen Notendruck im Auftrag des Verlegers Ludwig Bitsch, Frankfurt, fertigstellt, dann weist er klar über seine bisherigen Möglichkeiten hinaus. (UD 384, auch UD 389). Der Druck von Noten erforderte nicht nur eigenes Typenmaterial, sondern auch besonders qualifizierte Setzer.
Auch die Kupferstiche, die für die Reiseführer und Kartenwerke im Verlag des Sutorius ein unverzichtbarer Bestandteil waren, erforderten eine besondere Presse mit Walzen für den Abdruck. Sie werden im folgenden Abschnitt dieser Darstellung als gesondertes Thema behandelt. Hier soll als auffälliges Exempel eine Genealogie des Hauses Habsburg stehen, aus zwei Blättern zusammengesetzt, 55,5 cm x 46,5 cm groß, mit Portraits im Medaillonformat geschmückt, auf Kosten von Levin Hulsius gedruckt, aber in dieser Form gewiss nicht in Ursel, obwohl es so im Impressum steht.


Notendruck (UD 384) und Werkstatt Kupferstecher
Links: Notendruck aus Valentin Coler, „Cantionum Sacrarum“, Ursellis, 1604, 1.Seite der Tenor-Stimme (UD 384).

Rechts: Werkstatt mit Kupferstechern und Presse, dargestellt im Firmenzeichen des Augsburgers Wolfgang Kilian (1581 - 1663) Kolophon zu „Serenissimorum Saxoniae Electorum“, Augsburg, 1621.

Genealogia Domus Habspurgensis (UD 502Z)
Octavius de Strada: Genealogia Domus Habspurgensis (UD 502Z), Typensatz und Kupferstiche kombiniert, Ursellis, 1602.

Selbst wenn Cornelius Sutorius in Ursel die Werkstatt um weitere Pressen, auch für Kupferstiche, hätte erweitern wollen, es gab hinter der Mauer keine Fläche und keine geeignete Immobilie, die dafür zur Verfügung stand. Wohnhäuser, Scheunen, Ställe und Werkstätten für Handwerker füllten die Grundstücke für die rund 1.000 Einwohner des Städtchens. Im nahen Frankfurt waren alle Produktionsmittel vorhanden und es gab freie Kapazitäten. Dort waren auch die erforderlichen Fachkräfte: Drucker und Setzer und Ballenmeister und Korrektoren und angelernte Hilfskräfte.
Als am 23. September 1605 alle männlichen Einwohner von Ursel auf kurfürstlichen Befehl befragt wurden, ob sie in der Stadt bleiben und wieder dem „alten Glauben“ gemäß leben wollten oder ausziehen, da werden im Protokoll unter den 211 Befragten 4 Personen genannt, deren Tätigkeit der Druckerei zuzurechnen sind:
32. Cornelius Sutorius, ein Buchdrucker, erklärt, dass er Nicodemo [Ulner], dem Pfarrer zu Frankfurt zu S. Peter versprochen habe, nicht von seinem Glauben abzuweichen. Er ist angewiesen, zur festgesetzten Frist (Teilnahme an der Messe am Allerheiligen-Tag nach altem Ritus) zu räumen.
59. Hieronymus Pfeiffer, ein Buchdrucker, sagt, er könne sich mit seinem Handwerk hier nicht mehr ernähren und hätte ohne dies entweichen wollen.
60. Johann Meister, ein Setzer in der Buchdruckerei, will sich bis Allerheiligen bedenken. Wenn er dann nicht zur Kommunion geht, will er wie andere auch ausziehen.
115. Caspar Lucau, ein Druckergeselle, will sich nach Frankfurt begeben.
[StA. Würzburg, Mainzer Urk. Geistl. Schrank 20, Lade 12, Prod. 113]


Zwar war seit Sommer 1604 die Arbeit der Druckerei durch die entschiedene Restaurationspolitik des Kurfürsten Johann Schweickhard bedroht, aber noch arbeitete die Druckerei. Die Zahl der Fachkräfte reichte aber gerade für den Betrieb e i n e r Presse und diese war noch nicht einmal voll ausgelastet.

Es bleibt nur die Schlussfolgerung, dass allein im engen Verbund mit den Druckern und Verlegern in Frankfurt die Expansion in der Qualität, in der Quantität und in der vergrößerten Angebotspalette möglich war. Ursellis/Ursel war der offizielle Druckort, Cornelius Sutorius war Eigentümer, Drucker, Verleger, Buchhändler, der Dienstweg für die Genehmigung der Druckvorhaben ging nach Königstein, aber die Herstellung selbst wurde kostengünstig zwischen Oberursel und Frankfurt abgesprochen.

Es ist müßig darüber zu spekulieren, wie die Expansion des Unternehmens von Cornelius Sutorius sich weiter entwickelt hätte. Die finanziellen Belastungen waren erheblich und der Spielraum für eine ertragreiche Disposition ging durch den Zwang zur Rekatholisierung durch den Erzbischof und Kurfürsten zunehmend verloren.


© 2017 - Manfred Kopp