Gedruckt zu Ursel

Der Übergang zum Nachfolger

Die Urseler Druckerei mit Nicolaus Henricus war von den ersten dort gedruckten Schriften an eingebunden in das Ringen um den rechten lutherischen Glauben. Sie wurde begründet, weil es einen heftigen theologischen Streit gab, weil einflussreiche Personen zusammen wirkten, weil es einen tatkräftigen Drucker und Buchhändler gab und die Nähe zur Stadt der Buchmessen, zu Frankfurt.

Was sollte nun nach 30 Jahren werden? Der Streit war ausgetragen, von den Mitwirkenden schon einige gestorben, (Graf Ludwig 1574, Flacius 1575, Beyer 1577), der engagierte Drucker wurde auch alt. Nur die Nähe zur Stadt Frankfurt bestand weiter und damit die Chance, bei Differenzen zwischen Autoren und Rat einen Ausweg zur Veröffentlichung zu bieten.

Die erste Andeutung einer möglichen Veränderung in den Eigentumsverhältnissen zeichnete sich in einem Brief des Philosophen, Theologen und „gekrönten Dichter“ Nicodemus Frischlin ab. Wieder einmal hatte er seine Stelle als Lehrer verloren, war aus Braunschweig verjagt worden und über Kassel und Marburg nach Ursel gekommen. Er kannte den Ort und den Drucker aus der bisherigen Zusammenarbeit. Bald nach seiner Ankunft, Frau und Kinder waren noch in Marburg, schrieb er an Herzog Ludwig von Württemberg:

„Alßo begab ich mich gehen Vrsell wegen Franckfurtt so nur ein Meyl wegs von einander, vnder dem Churfürsten zu Mayntz meines Gnädigsten Herren begeben, da dann die Reine Lehre im schwanck ist, dieses fürhabens, alle meine opera alhie in stiller ruhe zu vollführen, vnnd in Truck zu bringen, Inmassen dann E.F.G. ein catalogus operum meorum zugesandt worden.

Demnach aber meine Bücher vnnd hausrat noch zu Braunschweig ligt … Als gelangt an E.F.G. mein vnderthenig Bitt, die wölle nitt allein auß angeborener milte vnnd gütigkeitt mir alß einem Exuli ein gnedig subsidium (=Unterstützung) sonderlich zu befürderung meiner operum mittheilen, es sei so gering alß es wölle, Sondern auch … daß sie mir meiner hausfrauwen dotem oder brautschatz nehmlich 1000 fl. zustellen, vnnd in künfftig fasten Meß zu franckfurtt liefern lassen, damitt wir mitt demselbigen Geldt vnsern grosen schaden wenden … Vrsell, den 26ten Ian. Anno 90. E.F.G. Vnderthenig Nicodemus Frischlinus theol.& phil. D. & Poeta Laureatus.“ [HStA. Stuttgart, A 274, Bü.48]

Der Antrag wird vom Herzog gar nicht gelesen, sondern am 10. Februar 1590er von der Canzlei entschieden zurückgewiesen.


Portrait Nicodemus Frischlin
Nicodemus Frischlin (1547-1590), Philosoph, Theologe und 'gekrönter Poet' der in Ursell seine sämtlichen Werke drucken lassen will.

Bei diesem Brief im HStA Stuttgart liegt ein Schreiben an:

„Den Ehrenvesten vndt Hochgelahrten Herrn Nicodemo Frischlino itzo zu Vrsell, meinem günstigen herrn vndt freund.“ Unterschrieben: Königstein 9.Februar, Anno 90. E.E. Dienstwilliger Caspar Kölln, amptsschreiber daselbst.“ Er teilt dem Frischlin im Auftrag des Gernand von Schwalbach, Churfürstlich Meintzischer Rath vnd Oberamtmann der Grafschaft Königstein mit, dass er die übersandte „Composition“ beiliegend zurücksende mit der Verfügung, „wo ferner nichts daran geendert werde, wie dann demselbigen vertrauen zu euch, sei er wol zufrieden, daß solche also zu Vrsell gedruckt werde.“ [HStA Stuttgart, A 274, Bü.48]

Dies ist ein Beispiel für eine Druckgenehmigung durch die zuständige Herrschaft. Welchen Titel die erwähnte „Composition“ trägt, wird nicht genannt.

Im März 1590 wird Frischlin in Mainz gefangengenommen. Er stirbt bei einem Fluchtversuch aus der Festung Hohenurach am 29.November 1590, 37 Jahre alt.

Für die Jahre 1596 - 1599 muss der Übergang auf einen Nachfolger schrittweise angesetzt werden. Zunächst zerschlugen sich die Pläne des Henricus im Blick auf seinen Sohn gleichen Namens, ebenfalls Buchdrucker. Pius Dirr, der 1929 das Buchwesen im alten München beschrieben hat, beruft sich auf einen Briefwechsel zwischen Adam Berg, Buchdrucker in München, und Nicolaus Henricus, dem Vater in Oberursel. Diesen Briefwechsel habe ich nicht aufspüren können. Alle Versuche beim Staatsarchiv und beim Münchner Stadtarchiv, dessen Leiter Dirr war, blieben ohne Ergebnis. Der Henricus betreffende Abschnitt ist deshalb hier abgedruckt:


„Im Jahre 1597 faßte der Buchdruckergeselle Nikolaus Heinrich, der im Begriffe stand, durch Heirat mit einer verwitweten Tochter Adam Bergs dessen Schwiegersohn zu werden, den Plan, eine eigene Druckerei in München zu errichten. Das ging dem an Alleinherrschaft auf dem Münchner Verlagsmarkt gewöhnten Berg ganz und gar wider den Strich. Um die Heirat zu hintertreiben, setzte er brieflich den Vater Heinrichs, den Buchdrucker Nikolaus Heinrich in Ursel bei Frankfurt am Main, in Bewegung und mahnte ihn, seinem unerfahrenen jungen Sohn gründlich die Meinung zu sagen und ihn vor dem gefährlichen Risiko eines selbständigen Geschäftsbetriebes zu bewahren.

Dieser Aufforderung kam der alte Heinrich um so lieber nach, als er für seinen Sohn andere Pläne hegte. Außerdem schien ihm der Gedanke unerträglich, daß sein Sohn, wenn er sich in München niederließ, zum Katholizismus übertreten mußte. Also drohte er mit Enterbung.

Aber der junge Heinrich hielt in Treuen an der Tochter Bergs fest, die als Witwe der väterlichen Gewalt entwachsen war. Die Heirat kam gegen den Willen der Väter zustande. Nikolaus Heinrich erhielt als Neubekehrter das Bürgerrecht und begründete mit Unterstützung des Hofes und der Jesuiten eine eigene Offizin. Bald rückte er, zum nicht geringen Ärger seines Schwiegervaters wider Willen, zum Range eines Landschaftsbuchdruckers, später auch Hofbuchdruckers vor. Vergeblich wehrte sich der alte Berg gegen sein Schicksal, indem er dem Eidam mit allerhand Schikanen zusetzte und ihm unnütze Prozesse anhängte.

So kam also im Rahmen einer artigen bürgerlichen Komödie zu München eine zweite Druckerwerkstätte mit Verlag auf, nachdem ein Jahrhundert lang nur ein Geschäft dieser Art in Betrieb gewesen war.“ [Dirr,1929, S.53f. Im Nachlass von P.Dirr, der sich inzwischen im Stadtarchiv München befindet, ist in der Quellensammlung des Verfassers kein Hinweis auf den Fundort für das Original des Briefwechsels, den ich gerne als Beleg für die Handschrift des Henricus eingesehen hätte. (Nachricht des Stadtarchivs vom 23.10.15.) Ich vermute, auch aufgrund des Erzählstils, dass Pius Dirr hier eine ausschmückende "Geschichte" eingefügt hat.]
Für Nikolaus Henricus, den Vater, entschiedener Nachfolger von Luthers Reformation muss dieser „Erfolg“ seines Sohnes ein tragisches Erlebnis gewesen sein: Sein Sohn kehrt zur alten Kirche zurück und arbeitet für die Jesuiten gegen die er all die Jahre gestritten hat.

Die Genehmigung zur Errichtung einer Druckerei für Nicolaus Henricus d.J. datiert vom 3.11.1597.

„Die Fürstliche Durchl. Unser gnädigster Herr, Herzog Maximilian in Bayern haben Niclasen Hainrich auf sein vnderthänigst anhallten, allhie ain Truckherey an: vnd aufzurichten gnädigichst bewilliget, doch solcher gestalt; das er ausser vorwissen der Herrn Geystlichen Räthe nichts truckhen solle.
Zu vrkhundt dessen, ist Ihme Hainrichen dieses schrifftlich sein aus höchstermelt Irer F. Durchlaucht Canzley ertheilt worden. Actum München den 3.Novembris Anno 97".[Bayr. HStArchiv München STO GL 2806/1259]

Während der Sohn Henricus bereits in München arbeitet, verlegt er 1598 bei seinem Vater noch drei Drucke des Schweizer Theologen Samuel Huber, nämlich UD 290, UD 291 und UD 292.


Portrait und Brief des Johannes Wigand Eines der wenigen sichtbaren Zeugnisse der Druckerei-Zeit in Oberursel ist die Jahreszahl '1596' am Zugang zur Sakristei der Kirche. (Aufnahme M. Kopp, 2013)

Im Jahr 1596 taucht zum ersten Mal ein neuer Name auf: Cornelius Sutorius. Er verlegt das bei Johannes Sauer in Frankfurt gedruckte Buch von Raymund Lull: „Ars Magna“. Im folgenden Jahr, 1597, verlegt er noch einmal zwei Bücher bei Sauer (UD 276, UD 443N), aber auch ein weiteres in Vrsellis, von Henricus gedruckt (UD 282). Zum ersten Mal erscheinen die beiden in Kooperation.

Von 1598 an wächst die Zahl der von Sutorius in Ursel verlegten und zunehmend auch von ihm gedruckten Bücher. Ob er gelernter Drucker war, muss offen bleiben, aber er ist für die folgenden Jahre der Nachfolger als Inhaber der Werkstatt. Der Übergang erfolgte also nicht zu einem fixen Datum, sondern die Druckvermerke signalisieren einen aufstrebenden Buchhändler und -drucker, und einen alten, etwa 70 jährigen, der immer noch ein wenig mitarbeitet.

Erster Druck Henricus / Sutorius Im Jahr 1597 erscheint der erste Druck, bei dem Henricus und Sutorius gemeinsam im Druckvermerk genannt werden, der eine als Drucker, der andere als Verleger.

Vor wenigen Monaten ist der letzte Druck des Henricus, den er 1600 in seiner früheren Werkstatt hat drucken lassen, entdeckt worden. Er steht jetzt als UD 528Z am Ende des Verzeichnisses. Der Verfassername der Beschreibung der Bäder von Wiesbaden könnte durchaus ein Pseudonym für Henricus selbst sein, der auf seine alten Tage bei den heißen Quellen Linderung seiner Gelenkschmerzen gesucht hat. Solch ein Leiden plagte viele Drucker, die jahrelang an der Presse gestanden hatten. Aber auch in diesem Zusammenhang vergisst Henricus nicht seinen rechten Glauben. Am Ende des Lobgedichtes heißt es:

„Endlich bey diesem Bad du findst/
Rein Glaubens Lehr/vnd Gottesdienst/
Die ausserwehlt Religion/
Nach Augspurger Confession/
Welch wird daselbst geübet sehr/
Durch from vnd getrewe Lehrer/
Damit nicht nur der Leib curirt/
Sondern die Seel auch wird salvirt/
Vnd demnach diess Bad gewiß ohn fehl/
Sey heilsam beydes Leib vnd Seel/
…"


Titelblatt UD528 Den (zeitlich) letzten Druck der Ära des Henricus (UD 528) habe ich Anfang 2015 gefunden. Er war auch das letzte Werk, das Henricus veröffentlicht hat.

Das Gedicht widmet er dem Amtsbereiter der Grafschaft und anderen Herren und unterzeichnet: „Datum zu Ursel den 25. Junij Anno 1600. E.W. vnd G. Dinstwilliger Nicolaus Heinrich/Buchtrucker daselbsten.“

Mit der Jahreszahl 1601 erscheinen noch einmal 5 Drucke. Mit dem Vermerk „Typis Nicolai Henrici“ wird aber signalisiert, dass der Eigentümer nicht mehr lebt. Henricus wird also um die Jahreswende 1600/1601 verstorben sein.


© 2017 - Manfred Kopp