Gedruckt zu Ursel

Geschlossene Gesellschaft

Seit 1568 drängten die Frankfurter Buchdrucker den Rat der Stadt durch ein Verbot zu verhindern, dass weitere Druckereien gegründet und betrieben werden konnten. Im Sinne der Zünfte wollten sie einen Numerus clausus einführen [Dazu Richter, Konzessionspraxis]. Frankfurt war zwar als Stadt des Buchhandels ohne Konkurrenz, aber Zentren der Buchproduktion waren besonders die Universitätsstädte wie Köln, Mainz, Straßburg, Basel. Die sieben Druckereien in Frankfurt mit ca. 30 betriebsbereiten Pressen waren nicht ausgelastet. Die Druckereibesitzer argumentierten, dass ihnen jede neue Zulassung zum Verderben gereiche. Seit drei Jahren sind mehrere Pressen ohne Arbeit.

1588 gibt der Rat dem Drängen nach und beschließt: " ...damit ihren der Trucker nitt zuviel werden, hatt sich ein Erbarer Rat entschlossen, keine Trucker oder deren Verleger mehr alhie zu dulden, als die Jenigen so vff diese stundt alhie wohnen vnd burger sind."[Richter, Konzessionspraxis, S.133]

Am 10.Oktober 1598 wird in der Erneuerten Buchdruckerordnung das Verbot wiederholt und noch eine Strafandrohung angefügt: "... ferner soll sich hinfüro keiner zu trucken oder zu verlegen understehen ohne außtrückliche erläubnis eines erbaren raths bey Vermeidung ernstlicher unnachlässiger straff und darzu verlust alles seines truckzeugs."

Als Cornelius Sutorius im Sommer 1596 nach Frankfurt kommt und als Verleger seinen ersten Druckauftrag an Johann Sauer vergibt, der dort fünf Pressen betreibt, kann er nicht damit rechnen, dass er für seine weitgesteckten Ziele eine Konzession bekommen kann.


Meine Hoffnung, in der Widmung an Johann Schweickhard von Kronberg, Domdekan in Mainz, die er seinem Druck (UD 275) voranstellt, Hinweise auf seine Pläne für die Zukunft zu finden, wurde enttäuscht. Dr. Stephan Pelgen, Mainz, der mir als hervorragender Latein-Kenner die Widmungen des Sutorius in ihren Inhalten zusammengefasst hat, schreibt dazu [Mail, Okt.2002]
„Die lange Widmung in bildreicher Sprache zeugt von großer Gelehrsamkeit und Belesenheit des Sutorius (etwa in antiker Mythologie und Literatur), die weit ausgebreitet wird.
Ca. die Hälfte der Widmung nehmen Infos über Lull (den Autor) und sein Werk ein, zitiert aus einer älteren Lull-Ausgabe von Heinrich Cornelius Agrippa, sowie Stellen von Trithemius. Eine eigentliche Begründung für die Widmung an Johann Schweickhard sucht man vergeblich.
Insgesamt macht die Widmung nicht den Eindruck, dass sie zur Verherrlichung des Widmungsadressaten, sondern des zu druckenden Autors erfolgt ist!“


Meine Fragen, woher Sutorius den Schweickhard kennt, ob sie sich bei einem Studium begegnet sind, ob die Gutachten zu Druckvorhaben in seinem Ressort liegen, denn Oberursel gehört zum Kurfürstentum Mainz - darüber ist nichts zu erfahren. Am Ende der Widmung vom 1. September 1596 aus Frankfurt nennt Sutorius als Ort seiner Herkunft „Berckarhenus Agrippinas“, das ist Rheinberg im Gebiet von Kurköln.


Titelblatt UD275 und Kartenausschnitt
Links: Das erste Buch, das den Namen des Cornelius Sutorius als Verleger nennt, wird zur Herbstmesse 1596 in Frankfurt von Johann Sauer gedruckt (UD 275).

Rechts: Ausschnitt aus einem Kartenwerk, das von Sutorius 1602 gedruckt wurde (UD 357, Met 111). Es zeigt die Region im Kurkölner Gebiet, in dem er Kindheit, Jugend und Studienzeit verbracht hat.

Dokumente zur Biographie des Cornelius Sutorius sind bisher nicht aufzufinden. Als Geburtsjahr kann durch Vergleiche auf um 1560 geschlossen werden. Recherchen in Rheinberg und Spurensuche in Kaiserswerth, Düsseldorf und KöIn blieben ohne Ergebnis.

Interessante Hinweise zum Lebenslauf gibt er selbst in seiner Widmung zu einem juristischen Werk (UD 309 und UD 373). Ich zitiere wieder die zusammenfassende Darstellung von Dr. Stephan Pelgen:
„Widmungsempfänger sind die Brüder Johann und Bernhard Byssel, beide Kanoniker des Stifts Kaiserswerth. Schon in der Anrede werden sie ausdrücklich als Freunde bezeichnet. Die Widmung erfolgt aus Dankbarkeit.
Gedankengang: Bedeutung der Jurisprudenz als wichtigster Wissenschaft für das tägliche Leben wird wortreich herausgestrichen/ Mangel an geeigneten Lehrbüchern ließ Sutorius ein Konzept von einem Gelehrten für ein Sammelwerk in Auftrag geben, das auch viele verstreut publizierte, wichtige Werke vereinigen sollte (= verlegerische Initiative! Hier ist das Thema: „Erbpacht“.)/ Wichtig ist für eine solche Publikation geeignete Patrone zu benennen (als Schutz gegen Kritteler, Besserwisser etc.)/ Ausführliche Begründung, warum die Wahl des Sutorius auf die Byssel-Brüder gefallen ist: Ihr verstorbener Vater (Albert Byssel) habe Sutorius als Kind aus dem Taufbecken gehoben und in die Gemeinschaft der Kirche eingeführt. Byssel-Vater sei für Sutorius wie ein zweiter Vater gewesen. Aber auch die beiden Byssel-Brüder selbst hätten sich Sutorius gegenüber in unzähligen Fällen verdient gemacht, und ihm ihre Gunst und Humanitas bewiesen.
Ton: sehr vertraut; so als ob die Byssel-Brüder und Sutorius zu Geschwistern geworden wären. (Wäre es ganz abwegig daran zu denken, dass Sutorius früh verwaist wäre und von seinem Paten Albert Byssel aufgenommen wurde?)“


Im Buchdruckerlexikon ist für Düsseldorf u.a.notiert: „Albert Buys, Hofbuchdrucker des Wilhelm, Herzog von Jülich, Cleve und Berg. 35 Drucke ab 1557/58 bis 1596, seinem Todesjahr. Sein Sohn Bernhard Buys führt die Druckerei bis 1615 weiter.“ [Reske, S.191]

Dass Cornelius Sutorius im Todesjahr des Albert Buys, 1596, nach Frankfurt geht, um dort eine eigene Existenz zu begründen, wird mit dem in der vorstehenden Widmung beschriebenen engen Beziehung in Verbindung stehen.

In der Unterschrift nennt Sutorius auch seinen Alias-Namen „Klumpen“. Am Niederrhein, wo er aufgewachsen ist, heißen „Schuhe“ „Klompen“ und Schuster sind Klompenmaker. Dr. Stephan Pelgen meint dazu: „Sutorius“ könnte durchaus eine in Humanistenart gehaltene Latinisierung des echten Namens Klumpen sein. Vielleicht erschien dem Cornelius Klumpen sein Name für den Betätigungsbereich als Wissenschaftsverleger zu „ungelehrt“ und prosaisch und er latinisierte sich seinen Namen? Wobei dann allerdings das Problem auftaucht, dass der Sutor oder auch ein ehemaliger Schuster, also ein Sutorius, eher „Klompenmaker“ hätte genannt werden müssen.“

Da der Alias-Name nur in freundschaftlichen Beziehungen auftaucht, vermute ich, dass es nicht eine genaue Übersetzung sein soll, sondern eine vertraute Beziehung signalisiert.


Widmung in UD 309
Die Widmung des Cornelius Sutorius, die er 1599 einem juristischen Kommentar voranstellt, enthält Aussagen zu seiner Biographie (UD 309, erneut UD 373).

Zur Frühjahrsmesse 1597 erschienen zwei weitere Drucke in Frankfurt mit Sutorius als Verleger und Johannes Sauer als Drucker (UD 276 und UD 443N). Kurz darauf lernte er Nicolaus Henricus aus Ursel kennen, der einen Nachfolger für seine Werkstatt suchte. Sein Sohn gleichen Namens sah in Ursel und mit dem ausgeprägt lutherischen Programm keine sinnvolle Perspektive und begründete in München eine eigene Druckerei. Cornelius Sutorius muß dagegen sofort die Vorteile des Standortes „Ursel“ erkannt haben: Eine seit 40 Jahren eingeführte Druckerei, keiner Beschränkung durch den Frankfurter Rat unterworfen, Druckgenehmigungen vom Amtmann in Königstein, aber ganz nahe bei Frankfurt gelegen, zentraler Messeort für den Buchhandel, freie Kapazitäten in den bestehenden Druckereien und einer großen Zahl von qualifizierten Fachkräften.

Er einigt sich mit Nicolaus Henricus auf eine Nutzung im Übergang, die dem einen die Abwicklung bestehender Aufträge ermöglichte, dem anderen aber bereits die Weichenstellung für die eigenen Pläne. Im Herbst 1597 erscheint Sutorius im Impressum als Verleger, Henricus als Drucker (UD 282). Im Frühjahr 1598 unterschreibt Cornelius Sutorius eine Widmung ausdrücklich mit dem Zusatz „civis & bibliopola Vrsellanus“, d.h. Bürger und Buchhändler in Ursel (UD 295). Der Übergang von Frankfurt nach Ursel wird auch deutlich in einem Zusatz auf dem Zensurzettel, der in den Akten im IfS Ffm. [Censur 53, Nr.121] erhalten ist. Der Antrag auf Erlaubnis wurde zunächst beim Frankfurter Rat gestellt und von Joh. Hartmann Beyer als Gutachter befürwortet. Die Randnotiz besagt: „Ist der Titul dieses Büchlins alhie zu trucken abgeschlagen, dieweil das Büchlin zu Vrsel getruckt worden.“


Abschlagung
Zustimmung des Gutachters Johann Beyer zum Druck von „Mirandula, De Auro“ und der Randnotiz, dass das Buch in Ursel gedruckt wurde (UD 295). [IfS Ffm. Censur 53, Zettel 121]

Cornelius Sutorius hat also im Frühjahr 1598 in Oberursel das Bürgerrecht bekommen. Im ersten Taufregister der Stadt wird für die folgenden Jahre verzeichnet:

Cornelius Sutorius c.U. (=Bürger in Ursel) typographus
uxor (Ehefrau) Ursula
14./4.07.1602 Heinrich
25./15.01.1604 Marg.
Außerdem wird genannt: Ursula, Ehefrau des Druckers und Bürgers Cornelius Sutorius, an Pfingsten 1601 Patin der Tochter des Urseler Bürgers Christoph Rab.

Die Familie des Sutorius lebt also in Oberursel und hat dort Bürgerrecht. Sie hält sich zur lutherischen Religion, wie alle Bewohner der Stadt.

Eine der Druckereien in Frankfurt, mit der Sutorius häufig kooperiert , ist die Offizin von Zacharias Palthenius. Der ist 1570 in Friedberg geboren, war Notar und hat 1594 in Frankfurt den Bürgereid geleistet. In den Besitz einer Druckerei war er gelangt, weil er als Korrektor bereits in der Werkstatt von Johann Wechel gearbeitet hatte. Nach dessen Tod hatte er die Witwe Katharina geheiratet und mit ihr die Druckerei weitergeführt. Sein Signet, also sein Markenzeichen, war der auf einem Hirsch reitende Gott Chronos (Saturn) und dieses Zeichen erscheint siebenmal auf den Titelblättern von Drucken, die ausdrücklich Ursellis, ex officina Cornelij Sutorij als Druckort ausweisen. Für seine eigene Werkstatt in Frankfurt verwendet Palthenius mehrfach Bezeichnungen wie „Collegium musarum Novenarum Palthenium“, oder „Officina Libraria Paltheniana“, oder „Typographeum Palthenianeum“. Damit weist er darauf hin, dass er seine Tätigkeit als Eigentümer einer Druckerei offen auch für eine Beteiligung von Kollegen lässt.


Als Beispiel für die Vernetzung der verschiedenen Akteure in Frankfurt und Oberursel kann der Druck UD 352 von 1602 dienen. Auf dem Titelblatt weist das Bild des Gottes Chronos auf dem Hirsch auf die Werkstatt des Zacharias Palthenius als Herstellungsort. Die Zeilen darunter sagen aber klar „Vrsellis“ und die Werkstatt des Sutorius. Die Verflechtung der Beteiligten wird noch verstärkt durch den Verleger Ionas Rosa (Jonas Rhodius), dem Schwager von Zacharias Palthenius. Er hatte durch Heirat der Witwe von Peter Fischer dessen Verlag übernommen und damit auch dessen Projekt "Nomenclator". Bei Sutorius ließ er ohne Hinweis auf Palthenius weitere sechs Drucke herstellen.

Der „Nomenclator“, ein Wörterbuch des angesehenen niederländischen Gelehrten Hadrian Junius (1511-1574), war 1567 zum ersten Mal bei Plantin in Antwerpen gedruckt worden. Es wurde auf dem Buchmarkt ein großer Erfolg. Bis zum Jahre 1629 erschienen mindestens 24 Auflagen. In Frankfurt druckten Wechel/Palthenius und Fischer/Rosa von 1591 an, 1602 mit Beteiligung von Sutorius in Ursellis, das umsatzstarke Werk in mehreren Auflagen.

Wer angesichts dieser verwirrenden Verbindungen feststellt, dass er da nicht mehr durchblickt, erfährt vielleicht, was die Vorgehensweise der Beteiligten beabsichtigte: Mehrdeutigkeit.
Grundlage für eine enge Kooperation war stets gegenseitiges Vertrauen. Im Streit wurde solch eine Irreführung über den Druckort zur Waffe. So denunzierte Palthenius den Wolf Dietrich Caesar im März 1598 beim Rat der Stadt, der habe in Frankfurt ein Buch gedruckt, aber "vff den titul gesetzt, als ob es zu Hanau getruckt were." [Richter, Egen. Erben, Sp. 672]


Titelblatt Palthenius und daneben Abbildung Frankfurts
Links: Beispiel für die Verflechtung von Oberursel und Frankfurt, „Nomenclator“, ein Wörterbuch, von 1602 (UD 352): Markenzeichen der Druckerei Zacharias Palthenius in Frankfurt und Ortsangabe Ursellis.

Rechts: Das Buchhändlerviertel Frankfurts, nahe der Leonhardskirche, war Zentrum für Kontakte, Absprachen und Vereinbarungen von Druckern und Verlegern. (aus der Stadtansicht von Matthäus Merian, 1628).

Als der Verleger Johann Theobald Schönwetter wegen hoher Verschuldung einem Insolvenzverwalter, Conrad Meuel, die Buchführung überlassen muß, erscheint am 18. August 1603 auch Cornelius aus Ursel in der Ausgabenliste:

„Cornelij von Vrsell kostgeld geben 36 fl.
Cornelij von Vrsell 2 Ballen 4 Riß Papier zu 8 fl.
Auch in Platino zu helffen 19 fl. 3 batzen.“
[IfS Ffm. RKG 282, Bl. 377]

(„Platino“, bei dem Sutorius geholfen hat, handelt es sich um die „Päpstliche Chronica“ von Bartolomäus Platina, Freyburg, 1603, Schönwetter als Verleger).

Als Fazit kann am Ende dieses Abschnittes stehen, dass es dem Cornelius Sutorius hervorragend gelungen war, mit der Niederlassung im nahen Oberursel ein anerkanntes Glied in der Frankfurter „Geschlossenen Gesellschaft“ von Druckereibesitzern und Verlegern zu werden. Er war nicht Konkurrent, sondern trug bei zu geschäftlichem Erfolg und zur Auslastung der vorhandenen Druckpressen in Frankfurt, Oberursel eingeschlossen.


© 2017 - Manfred Kopp