Gedruckt zu Ursel

Produktion mit nur einer Presse

Die Beschreibung einer Druckerei beginnt mit der Beschreibung der Bücher, die noch von ihr in Beständen heutiger Bibliotheken nachgewiesen werden können. Ein solches Verzeichnis für die Oberurseler Druckerei wird hier im Internet vorgelegt. Der Herstellungsprozess und seine Besonderheiten im Kontext zum Druckgewerbe im nahen Frankfurt bleibt dabei im Hintergrund. Es zeigt sich aber, dass auch in diesem Bereich Eigentümlichkeiten auftauchen, die gerade für Ursel kennzeichnend sind.

Im „Wegweiser für Fremde“ in der freien Stadt Frankfurt am Main nebst ihren Umgebungen (1843, S.117) heißt es zu Oberursel: „Oberursel, einem kleinen Städtchen, dessen Kirchthurm wegen der schönen Aussicht öfters bestiegen wird. Besonders merkwürdig ist es wegen seiner alten Druckwerke, die unter dem Namen Ursellis erschienen sind“ (d.i. alles). Etwa zur gleichen Zeit erscheinen in den Annalen des Vereins für Nassauische Alterskunde die ersten Nennungen von Titeln. Den Versuch einer umfassenden Darstellung unternimmt Ernst Kelchner nach Recherchen in mehreren Bibliotheken 1868 (s.Lit.Verz.) . 370 Titel führt er an, wobei auch etliche falsch wiedergegeben werden. Archivar F.W.E. Roth setzt die Sammlung der Titel fort, ergänzt und korrigiert und der Oberurseler Archivar August Korf bringt (1906) einen Nachtrag mit 29 Nummern.(St.A. Oberursel, Manuskript). Dann liegt die Zahl bei 351 Druckwerken. Davon habe ich bis heute 36 wegen unrichtiger Angaben gestrichen. Ortsnamen sind verlesen, (z.B. Basel oder Ülzen in Ursel) oder Jahreszahlen falsch übertragen oder unterschiedlich zitierte Titeltexte als zwei verschiedene Drucke aufgeführt. Der Wunsch, die Zahl der Urseler Drucke möglichst hoch zu treiben, und damit auch die Bedeutung der Werkstatt zu unterstreichen, ist das treibende Motiv. Das zeigt sich auch in der abschließenden Bemerkung von Roth: „Alles in allem gehört Henricus zu den vielseitigsten, leistungsfähigsten und tüchtigsten Druckern des dritten Viertels des 16. Jahrhunderts“. Dem muss erwidert werden, dass die Zahl der Druckwerke über die Leistungsfähigkeit einer Druckerei nur wenig aussagt. Ein Titelblatt ist ein Titelblatt, gleich ob eine Streitschrift von einem Bogen folgt oder ein Predigtband mit 300 Bogen, Titel rot/schwarz, schmückende Initialen, Zierleisten und kleine Holzschnitte. Aussagekräftig ist allein die Zahl der bedruckten Bogen, Schön- und Widerdruck (Vor- und Rückseite), die in einem festgelegten Arbeitsablauf in einem fixierten Zeitrahmen fertiggestellt werden konnten, Stunde oder Tag. (siehe auch Appendix 2 „Eine Presse in Betrieb“)


Zwei Titelblätter

Zweimal ein Titelblatt von je einem Urseler Druck 1575, einmal mit 5 bedruckten Bogen (links) ein anderes Mal mit 164 Bogen und besonderer Ausstattung (rechts). Das ist ein großer Unterschied!

Das Tempo bei der Herstellung wurde zunächst bestimmt durch die Zahl der Pressen. Unter den gegebenen Umständen war die Werkstatt in Ursel 1557mit einer einzigen eine Übergangslösung, die nicht auf Eigenständigkeit und dauerhaften Betrieb ausgerichtet war. Am 17. Juli 1557 schreibt Peter Braubach an Joachim Westphal: „und jener Drucker, der neulich mit gerade mal einer Presse die Arbeit aufgenommen hat, hat auch von seiner Herrschaft auferlegt bekommen, dass er nichts druckt, was nicht vorher inspiziert und genehmigt worden ist.“[von Schade, S.224] Aber diese Herrschaft war eine andere, als in Frankfurt. Deshalb kann in Oberursel mit einer Presse gedruckt werden, was in Frankfurt, wo ca. 30 Pressen arbeiten, nicht freigegeben wird. Die Tatsache, dass ein Ortsname „Ursel“ mit einer Presse nachgewiesen werden kann, genügt zur Legitimation.
Stadt Ursell in kolorierter Skizze und Katasterplan
Stadt Ursell in einer kolorierten Skizze, um 1578 und Katasterplan von 1865 mit Kirche und der ursprünglichen Frühmesserei, später Druckwerkstatt. Das Anwesen ist 1622 und 1879 abgebrannt.

Ort der Werkstatt war nach glaubwürdiger mündlicher Überlieferung, das Anwesen der Frühmesserei am Fuße der gotischen Kirche, heute St. Ursula Gasse 22/24. Es war in obrigkeitlicher Verfügungsgewalt und konnte für die Druckerei bestimmt werden. Alternativen gab es nicht. Der Ort war klein, um 1000 Einwohner, Alte und Kinder eingeschlossen. Schon für eine Presse hätten zwei Setzer, zwei Drucker und mehrere Hilfskräfte einen Arbeitsplatz gebraucht, Lagerräume für Material, einen Raum zum Wässern und Trocknen des Papiers und zum Reinigen der Lettern und zum Bereiten der Farbe. Der bekannte Kupferstich von Philip Galle zeigt eine Werkstatt um 1580, wobei hier zwei Pressen gezeigt werden, um Färben der Form und das Drucken getrennt darzustellen. Ein Gebäude solcher Größe und mit solcher stabilen Konstruktion hat es in Oberursel nicht gegeben. Die Raumnot begleitete die Arbeit der Druckerei bis zu ihrer Zerstörung.

Kupferstich einer Druckerwerkstatt
Der Kupferstich von Philipp Galle (1537-1612) zeigt eine Druckwerkstatt um 1580.

Wenn ich die Zahl der gesetzten Formen jahrgangsweise für die Drucke des Henricus zusammenfasse, dann ergibt sich folgendes Bild:
Gedruckte Bögen pro Jahr unter Henricus
Die Zahlen zeigen deutlich, dass die Druckerei nicht gleichmäßig gearbeitet hat. Die Mitarbeiter waren nicht fest angestellt, sondern wurden nach Stücklohn bezahlt. Zwischen Frankfurt und Oberursel wird nach Bedarf ein ständiger Austausch erfolgt sein.

Unbekannt ist die Auflagenhöhe der Drucke, deren Preis nach Bogenzahl berechnet wurde. Unbekannt ist auch die maximale Tagesleistung einer Presse. Sie kann nur geschätzt werden. Aufgrund von Erfahrungswerten habe ich ausgerechnet, dass bei einer einwandfrei funktionierenden Presse, je zwei eingespielten Setzern und Druckern, fleißigen Zuarbeitern und ohne Unterbrechung, also reine Betriebszeit von 8 Stunden/Tag, 1.440 Bogen mit Vor- und Rückseite bedruckt werden konnten. Das ergibt zum Beispiel für eine Auflagenhöhe von 500 Exemplaren bei UD 35 mit 50 Bogen Umfang eine Herstellungszeit von 34 Arbeitstagen. In solcher Berechnung sind viele Variablen, so dass nur die ungefähre Größenordnung abgeleitet werden kann.

Zu den vielen Fragen nach der Leistungsfähigkeit kommt noch eine weitere: Die nach der im Verzeichnis gelegentlich erkennbaren „Überproduktion“, d.h. es werden so viele Drucke genannt, die unmöglich auf einer Presse im begrenzten Zeitraum hergestellt werden konnten. Beispiel sind die Jahre 1569 - 1571. Der Theologe und Polemiker Georg Nigrinus veröffentlichte so viele Werke, dass Henricus in dieser Zeit fast die doppelte Zahl an Pressen und Mitarbeitern hätte haben müssen, um alle Werke zu drucken. Viele der Titel weisen aber nicht ausdrücklich Ursel als Druckort aus. Die Ortsangabe ist im Zuge der bibliographischen Erfassung für den Katalog einer Bibliothek festgelegt worden. Der tatsächliche Druckort bleibt unbewiesen. Von den 354 Drucken des Henricus sind 80 ohne Ortsangabe. Meist kann durch Nennungen in zeitgenössischen Katalogen, in Vorworten, in Zitaten ein Ort erschlossen werden, aber das ist oft nicht der Fall. Einige Drucke, die in aktuellen Verzeichnissen, z.B. VD 16, "Ursel" zugewiesen werden, habe ich nicht übernommen. Da sind meine Zweifel zu groß.

Für den Fall „Nigrinus“ erkenne ich eine Antwort nur in der engen Verflechtung mit Druckereien in Frankfurt. Wenn Bedarf war, half man einander aus, mit einzelnen Holzschnitten, griechischen oder hebräischen Lettern oder auch einem Nachdruck bei erhöhter Nachfrage. Der Weg zwischen Frankfurt und Oberursel wurde oft begangen und war für die damaligen Verhältnisse nicht weit.

Gedruckte Bögen pro Jahr unter Henricus
Links: Georg Nigrinus (1530-1602), Theologe, Pfarrer und Superintendent in Oberhessen. Portrait auf dem Grabmal in der Kirche von Echzell.

Rechts: Der Holzschnitt auf dem Titel von UD 112 (Ursel genannt) erscheint auch auf Drucken ohne Ortsangabe. Die Frage bleibt, ob deshalb alle Drucke mit diesem Bild Ursel zuzuweisen sind.


© 2017 - Manfred Kopp