Gedruckt zu Ursel

Von Cöln nach Ursel? Ein Druckort wandert!

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts erscheinen in Köln Kartenwerke, Reiseführer, Historische Beschreibungen, alle mit beigefügten Kupferstichen. Beginnend 1600, aber besonders 1602/04 weisen sie als Druckort Ursellis aus und benennen als Druckerei „ex officina typographica Cornelij Sutorij“. Es stellt sich die Frage, warum dieser Wechsel erfolgt ist und wie er sich vollzogen hat.
Zunächst soll eine Übersicht den Umfang dieser Wanderung darstellen. Die grundlegenden Forschungen von Peter Meurer „Atlantes Coloniensis - die Kölner Schule der Atlaskartographie, 1570 - 1610“ 1988 in Bad Neustadt an der Saale, sind unverzichtbar. Die Kurzbezeichnungen von Verfassern und Ausgaben werden übernommen.


Urseler Druck Ersch. Jahr Kupfer-Karten Meurer Kat.Nr. Vorläufer in Köln
317 1600 8 MET8 1600 MET9
318 1600 12 MET7 1600 MET1-6
356 1602 22 BOT6 1599 BOT5
357 1602 261 MET11 1601 MET10
362 1602 42 QUA13 - - -
363 1602 31 QUA11 - - -
364 1603 24 EIC1 - - -
366 1603 19 KRO2 1597 KRO1
367 1603 6 LOE2 1597 LOE2
379 1603 5 BOT7 1597f.BOT3-4
381 1604 44 EIC3 - - -
382 1604 44 EIC3 - - -
383 1604 10 EIC2 - - -
391 1605 20 ACO2 1598 ACO1
396 1606 45 EIC4 - - -
530Z 1606 19 KRO4 1597
o.Nr. 1603 5? neuer Titelsatz 1597/98


Die „Wanderung“ betrifft also in der Summe 17 Drucke mit 627 Kupferkarten, oft mehrfach verwendet. Alle Urseler Ausgaben gehören zum Kölner Kartographenkreis mit den Namen: Matthias Quad, Cyprian Eichov, Conrad Loew, Johannes Metellus, Johannes Boter, wobei Matthias Quad die Schlüsselfigur darstellt.

Metellus-Edition
„Von der Anlage her war die Metellus-Edition ein Höhepunkt im Kartenschaffen ihrer Zeit“ [Meurer, S. 164] Hier die Karte von der Nil-Mündung aus dem Afrika-Atlas, 1600 mit dem Druckvermerk „Ursellis, Ex Officina Typographica Cornelij Sutorij“.

Matthias Quad von Kinkelbach, 1557 in Deventer geboren, war Kupferstecher und ist ab 1587 in Köln nachweisbar. Er hatte eine Schulbildung reformierter Prägung(Heidelberg). Seit 1593 war er mit seiner Frau Angehöriger der Deutsch-reformierten Gemeinde. Wegen Teilnahme an einem verbotenen reformierten Gottesdienst wurde er im März 1599 zu 100 fl. Strafe verurteilt und mit Verweisung aus der Stadt bedroht. Nach seiner Kölner Zeit, die im Herbst 1604 zu Ende ging, war er Rektor der Lateinschule in Weinheim, dann in Eppingen/Pfalz. Er starb am 5. August 1613.
Bevor ich der Frage nachgehe, wo die Gründe für den Ortswechsel liegen können und wie er vollzogen wurde, will ich drei Feststellungen treffen:
1) In der ummauerten Kleinstadt Ursel von etwa 250 Familien bewohnt, gab es weder eine Fläche noch Räume für eine Werkstatt in der erforderlichen Größenordnung und mit einer Presse zum Druck von Kupferstichen. Auch Fachkräfte waren nur im nahen Frankfurt, aber nicht in Ursel zu finden.
2) Die Bewohner waren streng orthodoxe Lutheraner, die einem Reformierten wie Matthias Quad keinesfalls Bürgerrechte eingeräumt hätten. Quad mußte in Köln bleiben, aber seine Aktivitäten stark einschränken, um nicht Konflikte mit dem Rat zu provozieren.
3) Hergestellt, berechnet und verkauft wurden vom Drucker die fertigen Bogen. Ein Buch wurde erst daraus, wenn der Erwerber den Inhalt und die Ausstattung (z.B. Einband) beim Buchbinder in Auftrag gab. Deshalb sind die Bücher dieser Zeit noch „Individuen“ mit oft unterschiedlicher Charakteristik. Nicht ein mit allen möglichen Kupferkarten ausgestattetes Werk war vollständig, sondern das, was der Absicht des Käufers entsprach. So haben „unvollständige“ Ausgaben nicht von vornherein einen minderen Wert.


Plan Oberurseler Altstadt
Plan der Stadt Oberursel mit Stadtmauer und drei Toren, etwa um 1620, mit heutigen Straßennamen. Auch die spätere Bebauung außerhalb der Mauer zeigt den heutigen Bestand. (Gestaltung: Harro Junk, Oberursel 2016 , copyright.)

Als ich mich 1980/1981 ausführlich mit dem Komplex der Ursellis-Karten befasst habe, habe ich mit Dr. Peter Meurer und Dr. Fritz Hellwig korrespondiert. Beide konnten mir nur die Frage zurückgeben. Bevor ich mich jetzt abschließend dazu äußere, habe ich nach all den Jahren noch einmal an Dr. Meurer geschrieben (25.03.2016), ob er inzwischen zu einer Hypothese gekommen ist. Leider blieb der Brief unbeantwortet.
So will ich aufgrund meiner Kenntnisse vom Geschäftsgebaren im regionalen Buchdruck und -handel dieser Jahre und unter genauer Betrachtung der fraglichen Drucke eine These formulieren:
Es gab in Köln einen umfangreichen Bestand an Karten, der kontinuierlich ergänzt und als Antwort auf eine steigende Nachfrage erweitert wurde. Auch Texte dazu waren vorhanden, die manchmal auf den Rückseiten der Kupferstiche oder manchmal separat beigefügt wurden. Das Netzwerk der Drucker, Verleger, Händler, Kupferstecher und Autoren, seine Variabilität, war Voraussetzung für die Funktionsfähigkeit des Vertriebs.
Ergänzende Anmerkungen zur Arbeitsweise:
„In meinen Bestandsnachweisen (M.K.) habe ich vom gleichen Werk (UD 363) Exemplare mit einem, mit 24, mit 31, 36, 42 und 45 Kupferkarten.“
„Die Kartenausstattung der verschiedenen eingesehenen Exemplare ist extrem unterschiedlich in der Zahl“. [Meurer, S.228 zu QUA11]
„Ein komplettes, bzw. fehlerfreies Exemplar konnte nicht eingesehen werden“. [Meurer, S. 194 zu MET11]
„Die Karten stehen im Block am Ende des Buches, je nach Exemplar auf einseitig oder doppelseitig bedruckten Blättern.“ [Meurer, S. 102, zu EIC3]
„Die verschiedenen eingesehenen Exemplare sind allerdings sehr unterschiedlich (fehlende Karten und sogar fehlende Kapitel).“ [Meurer, S. 151, zu LOE1]
„Zur Illustration des ‚Liber aliquot‘ wurden zum größten Teil die gleichen Platten verwendet wie für das ‚Insularium‘ des Metellus (MET10). Hinzugefügt wurden einige früheren Karten Quads, sowie einige neue Stiche nach Mercator.“ [Meurer, S. 224, zu QUA13]


Die Schlüsselperson Matthias Quad musste sich aus persönlichen Gründen als treibende Kraft zurückziehen. Er blieb aber in Köln wohnhaft. Pseudonyme und lückenhafte Angaben zu Autoren und Beiträgern dienten als Schutz.
Ein wichtiger Bestandteil bei der Vermarktung des Materials war die Vereinbarung mit dem Buchdrucker und -händler in dem wenig bekannten Ursel. Er druckte die Titelbogen „ex officina Cornelij Sutorij“ und nannte als Druckort „Ursellis“. Der eigentliche Inhalt und die Kupferstiche waren bereits vorhanden. Die Stadt lag nahe bei Frankfurt mit den großen Bücherlagern, die zu den Messen geöffnet wurden. Da Sutorius aus dem Kurkölner Gebiet stammte, kann eine persönliche Bekanntschaft mit Quad vorausgesetzt werden.


Titelblätter UD 379
Zwei Titelblätter von UD 379 mit unterschiedlichem Satz, beide Titelbogen aus der Urseler Druckerei: links: von VD17 12:116449E, dem Exemplar der BSB. rechts: Exemplar aus meiner Sammlung.

Für alle Beteiligten in Köln, in Ursel und in Frankfurt galt die gleiche Maxime:
Die Kosten reduzieren.
Den Absatz steigern.
Den Genehmigungsbehörden keinen Grund zum Einschreiten geben.

Erst als das radikale Eingreifen des Mainzer Kurfürsten im Zuge der Rekatholisierung der Urseler Gemeinde und strenge Auflagen die Tätigkeit des Sutorius ein Ende setzte, war auch das Ende des Kooperation-Modells gekommen.
Mein Versuch, die Wanderung des Druckortes für 17 meist geographische Werke mit Kupferstichen ausgestattet, von Köln nach Ursel nachzuvollziehen, kann nicht alle Fragen beantworten. Er soll aber einen denkbaren Verlauf vorstellen, der zu weiteren Überlegungen anreizt.


© 2017 - Manfred Kopp