Gedruckt zu Ursel

Bildung und Wissenschaft sind zu fördern

Am Beginn seines öffentlichen Wirkens fügt Cornelius Sutorius seinem Namen die Bezeichnung „bibliopola“ an, das heißt, er wollte als Buchhändler wahrgenommen werden.
Betrachtet man die Impressa bei den 111 Drucken, die seinen Namen tragen, und sucht seine Selbstbezeichnung, so findet man besonders „ex officina C.S.“, „ex officina typographica C.S.“ oder „apud C.S.“ (d.h. gedruckt bei…). Hier trifft die Definition zu, die Reske in der Einleitung zum Buchdruckerlexikon formuliert: Einen Eintrag als Drucker erhielt, wer mit Wahrscheinlichkeit eine typographische Presse selbstständig betrieb. Dazu zählen auch Personen, die selbst keine ausgebildeten Drucker waren, … denen die Druckerei aber gehörte, und die das Druckprogramm bestimmten.“[ Reske, S. IX]
Auch wenn Sutorius einen Verleger als Auftraggeber und Kostenträger namentlich benennt, (wie Jona Rosa, Lazarus Zetzner oder Joh. Theobald Schönwetter) so versteht er sich doch nie als Lohndrucker. Er sieht sich als Mitwirkender. Häufig tritt er auch selbst als Verleger auf („impensis C.S.“ oder „sumtibus C.S.“ d.h. auf Kosten von…) Selbstbewußt betont er ein eigenes Profil.
In Namenslisten, wie im Taufregister oder bei der Bürgerbefragung 1605, genügt die Kurzbezeichnung „typographus“, „buchdrucker“.
In einigen Widmungen gibt Sutorius Hinweise zu seinen Zielen als Buchhändler. So dankt er in UD 323 dem Marburger Physik- und Logikprofessor Rudolph Goclenius (1547-1628), dass dieser nicht nur die Vorlesungen seines Collegen Cramer für vorzüglich hielt, sondern ihn auch überredete, sie zum Druck freizugeben. Sutorius stand mit Goclenius im Kontakt und erhielt den Auftrag zur Erstausgabe.


Goclenius und Drucker
Links: Prof. für Physik und Logik in Marburg, Rudolph Goclenius (1547-1628), hat Sutorius beraten und Autoren vermittelt.

Rechts: Druckereibesitzer gibt Anweisungen. (Ausschnitt aus einem Kupferstich von Philipp Galle, um 1580) [aus: McMurtrie, S.223 ff.]

Ausführlicher ist die Widmung vom 28. Februar 1598 an Georg Schwalenberg (1535-1609), Kantor und Kanoniker der Kirche St. Peter (Dom) in Fritzlar. Dr. Stephan Pelgen fasst den Inhalt zusammen [Mail Okt. 2002]: „Sutorius beginnt damit, dass Naturwissenschaftler und Philosophen der Antike ihre gewonnenen Erkenntnisse meist eifersüchtig voreinander geheim gehalten hätten. Dies schätzt Sutorius überhaupt nicht.
Wenn heutige Gelehrte sehr selten unbedingten Erkenntniswillen zeigen, so hängt das auch damit zusammen, dass solche Studien so gut wie keine Förderer finden.
Nur wenige verdienen, wahrhafte Naturforscher genannt zu werden, die es mit ihren Studien sehr ernst meinen. Zu ihnen gehört Georg Schwalenberg. [Auf seiner Grabplatte im Dom werden seine naturwissenschaftlichen Experimente besonders erwähnt.] Als Verleger oder Buchhändler sieht sich Sutorius wohl auch unter den Förderern, die die erhellenden Erkenntnisse der Gelehrten durch ihre Arbeit bekannt machen.
Ausdrücklich bedankt sich Sutorius für die ihm erwiesenen Wohltaten bei seinem erst kürzlich erfolgten Kennenlernbesuch in Fritzlar (also v o r dem 28. Februar 1598). Schwalenberg hatte vorher Sutorius weder persönlich noch dem Namen nach gekannt, sich ihm gegenüber aber sehr großzügig gezeigt. Die Formulierung kann man meines Erachtens (so Pelgen) nicht auf übliche Gastgeberpflichten anwenden. Man kann darin eine „handfeste finanzielle Zuwendung“ sehen. Als kleine Dankbezeugung muß dieses Buch also unbedingt Schwalenberg gewidmet werden.“


Johann Reichard Schefer ist Jurist, kurfürstlich-mainzischer Rat und Generalsyndicus der Grafschaften in der Wetterau. Ihm sind die Widmungen in UD 337 und UD 353 aus Dankbarkeit zugedacht. Von ihm hat Sutorius in den vergangenen Jahren Unterstützung und Liebe erfahren. Das Lärmen und Schimpfen der ständigen Besserwisser in naturwissenschaftlichen Dingen ist ärgerlich. Gerade die Chemie ist ständigen Anfeindungen von Medizinern und Theologen ausgesetzt. Wenn einzelne Personen, Scharlatane, die Wissenschaft in Mißkredit gebracht haben, ist das kein Grund, die Disziplin als solche zu verdammen.
Die Erstausgabe der „Apologia Chrysopoeia“ („Verteidigung des Goldmachens“)des Autors Gaston Dulco de Claves, 1598 in Genf erschienen, ist auf große Nachfrage gestoßen. Bedeutende Naturwissenschaftler, mit denen Sutorius in Kontakt steht, haben ihm zu einer Neuauflage geraten.
UD 337, eine klassische Liebesgeschichte von Heliodor ( 3. Jahrhundert), ist als Angebot zur geistigen Erholung und Erfrischung für den selbstlosen und vielbeschäftigten Widmungsempfänger gedacht. Ein persönliche jahrelange Freundschaft von Schefer und Sutorius wird bezeugt.
Abgesehen von den wenigen Widmungen des Cornelius Sutorius kann eine Aussage zu seinem Programm, seinen Zielen, über die Zuordnung der Drucke aus seiner Werkstatt zu den verschiedenen Sachgebieten gemacht werden. 111 Drucke werden im vorliegenden Verzeichnis nachgewiesen.
Anders als Nicolaus Henricus, der über 40 Jahre allein der lutherischen Orthodoxie und Theologie verpflichtet war, fächert Cornelius Sutorius in den 8 Jahren seines Wirkens ein breit gestreutes Spektrum von Autoren und Themen auf. Da sind juristische, aber auch staatsrechtlich ausgerichtete Werke. Da sind wichtige Beiträge zu Fragen der Naturwissenschaft, besonders der Chemie, der Medizin, der Alchemie. Da sind lexikalisch angeordnete Nachschlagewerke. Werke zur Geschichte und sogar 3 Musikdrucke mit Noten sind in diesem Spektrum zu finden. Den Reiseführern widme ich den übernächsten Abschnitt (d.i. „Ein Druckort wandert“.)
Bei solcher Themenfülle kann der Eindruck entstehen, dass Sutorius keinem „Konzept“ folgte, sondern dass allein die Marktlage, Angebot und Nachfrage, den Ausschlag gab, was gedruckt wurde. Die eindrucksvolle Bildung des Buchhändlers Cornelius Sutorius steht dabei außer Frage, aber wirkte sie sich aus auf eine Strategie bei der Auswahl für die Ursellis-Druckerei?


Molther und Bodin
Neben Gelegenheitsschriften, wie der Predigt des Friedberger Pfarrers Johannes Molther über die Erdbeben (UD 345), erscheinen umfangreiche Werke bekannter Staatsrechtlehrer, wie von Jean Bodin (1529-1596), der den Begriff der Souveränität entwickelt (UD 334). Das Spektrum der Drucke des Cornelius Sutorius ist weit gespannt.

Eine solche Sichtweise wird widerlegt, wenn man sich die Autoren der Werke und ihre Position in ihrem jeweiligen Fachgebiet näher anschaut. Abgesehen von Gelegenheitsschriften ist klar zu erkennen, dass Sutorius solche bereits erschienen Werke neu auflegt, eventuell verbessert, oder auch eine Erstausgabe zum Druck bringt, die in der wissenschaftlichen Diskussion am Ende des 16. Jahrhunderts eine bedeutende Rolle spielen. Da, wo bisherige Anschauungen in Frage gestellt werden und neue Perspektiven in den Blick genommen werden, will er anregen, vertiefen, und konstruktiv weiterführen. Er will Bildung fördern. Erstarrte Positionen sind ihm zuwider.
Zwar galten auch die wirtschaftlichen Gesichtspunkte, aber er nahm hohe Produktionskosten und lange Vorhalte-Zeiten in Kauf. Die Auflagenhöhe musste scharf kalkuliert werden, aber der Verkauf zog sich auch kontinuierlich meist über einige Jahre hin.
Wie Sutorius sein Programm umsetzte, will ich an einigen Beispielen zeigen. Für eine detaillierte Gesamtuntersuchung ist hier nicht der Ort.

UD 444N - Schneidewin, Johann u.a. „Quaestionum Ivris controversarvm… Resolutiones & Decisiones.“ Vrsellis, 1601. (Band 2)
Zur Fastenmesse 1599 erscheint in Frankfurt der erste Band der „Consultationes Saxoniae“, gedruckt bei Johann Spiess, verlegt von Johann Theobald Schönwetter. An der Leipziger Juristenfakultät und am kursächsischen Hof herrscht deswegen große Aufregung, weil der Inhalt mit vertraulichen Beratungen und Gutachten („Decisiones & Discusiones“) eigentlich geheim gehalten werden sollte. Am 24. April 1599 wendet sich Herzog Friedrich Wilhelm an den Rat der Stadt Frankfurt und beantragt ein Verbot der Verbreitung und Beschlagnahme aller Exemplare.
Schönwetter trägt dem Rat seine Gegenargumente vor. Er hat sogar ein kaiserliches Privileg für den Druck erhalten. Der Rat setzt die geforderten Maßnahmen nicht um, aber der zweite Band wird vorsichtshalber in Ursel, außerhalb seines Einflussbereichs, gedruckt. Der Verleger wird nicht namentlich genannt, nur der Name des Druckers Sutorius. In den Jahren 1604/05 ist das Buch ein Renner auf den Messen.[vgl. Starp, Hildegard, zu Schönwetter in AGB I S.43.]


UD 305 und 319 - Machiavelli, Nicolaus (1469 - 1527): „De Republica“, Ursellis, 1599, und „Princeps“, Ursellis, 1600. Dies sind die beiden Hauptwerke des Florentinischen Philosophen, Diplomaten und Dichters zur Staatslehre, die in der lateinischen Übersetzung und nach ihren bisherigen Auflagen die Vorlage für die Ausgabe von Cornelius Sutorius bildeten. Um das Studium der Texte von Machiavelli zu erleichtern und Gegenargumente und Thesen leicht heranziehen zu können, fügte Sutorius mit je neuem Titelblatt und neuer Bogenzählung die Veröffentlichungen zweier Autoren an, die eine andere Lehre entwickelt hatten:
zu „De Republica“: Innocent Gentillet (+1588), Theologe (Hugenotte), mit der Streitschrift gegen Machiavelli „Commentariorum De Regno“, zuerst frz. 1576, UD 310 .
zu „Princeps“: Stephan Iunius Brutus (Pseudonym) „Vindicae contra tyrannos“ („Widerstand gegen Tyrannen“) UD 320.
Alle vier Drucke zeigen auf ihren Titelblättern ein Bildzeichen zum Thema Staatsräson: Eine Krone auf drei Säulen liegend, mit einem Schriftband: „Consilium Pietas Politia Coronam Firmant“ - „guter Rat, Frömmigkeit, Politik tragen die Krone“. Die Krone steht für ein gutes Regiment.
Sutorius hat das Bildzeichen, das ab 1576 in unterschiedlichen Versionen und in grober Form auf Gentillets (De Regno) erscheint für seinen Themenbereich „Staatsrecht“ neu und sorgfältig stechen lassen. Er charakterisiert damit sein Konzept und weist auf die Bedeutung hin, die er ihm beimisst.


Signet des Gentillet
Der Franzose Innocent Gentillet (+ 1588) schreibt gegen Machiavell und veröffentlicht sein Werk 1576. Von der ersten Ausgabe an erscheint auf dem Titelblatt ein grob ausgeführtes Themen-Zeichen. Sutorius setzt es zur Kennzeichnung in neuer, sauber gestochener Ausführung auf alle seine Drucke zum Staatsrecht.

Auch die Ausgabe von Johannes Boter (1544-1617), dem italienischen Schriftsteller, Priester und Diplomat, „Tractatus Duo …“, UD 351, zeigt das Kronen-Bild auf dem Titelblatt. Es ist dies die Erstausgabe der lateinischen Übersetzung durch Georg Draud in Frankfurt.
Ebenfalls ist das Bildzeichen auf UD 348 zu sehen, Iustinvs „Trogi Pompei“, wobei auch hier Sutorius den kritischen Kommentar des Theologen Victor Strigel (1524-1569), zum einfacheren Vergleich beiordnet, UD 349.
Das Titelblatt zu Jean Bodin (1529-1596), UD 334 zeigt statt des Kronen-zeichens das Signet des Druckers Palthenius, gehört aber zweifellos zu den staatswissenschaftlichen Werken bei Sutorius.

12 Drucke, die Sutorius in den Jahren 1601 und 1602 fertigstellt, erscheinen im Verlag des Straßburger Lazarus Zetzner. Darunter nehmen die 3 Bände des „Theatrum Chemicum“ einen besonderen Platz ein (UD 358, 359, 360). Im Zuge der Forschungen des Arztes und Alchemisten Theophrast von Hohenheim, genannt Paracelsus (1493 - 1541), die auf eigener Anschauung und Erfahrungen gegründet waren, war Zetzner besonders an der Verbreitung der Erkenntnisse interessiert. Mediziner und Apotheker sollten die gewonnenen Erkenntnisse prüfen und sich eine eigene Meinung bilden können. In der harten Auseinandersetzung mit den Vertretern der traditionellen Medizin waren zahlreiche Beiträge erschienen, die nur mit erheblichem Aufwand auf dem Buchmarkt zu finden und zu erwerben waren. Zetzner stellte 45 Beiträge zusammen, die Cornelius Sutorius erstmalig druckte. Mit seinen guten Kontakten zu Autoren und zum Angebot auf dem Buchmarkt war Sutorius auch an der Redaktion beteiligt.
Das Vorhaben wurde bis zur sechsbändigen Ausgabe 1661 von den Zetzner’schen Erben fortgeführt.

Ebenfalls zur Prüfung und Bildung sollten interessierten Lesern in dieser Zeit zwei heftig diskutierte Werke angeboten werden, die bereits erschienen waren, aber immer wieder nachgefragt wurden:


Illustrationen
Zwei Illustrationen zur Physiognomie (UD 332) und zur Handlesekunst (UD 374)

Bereits 1522 hatte der Pfarrer und Astrologe Johannes ab Indagine (1467 - 1537) seine „Introductiones apotelesmaticae“, ="Einführung in die Kunst des Deutens" veröffentlicht. Die Kunst aus den Linien in der Hand Prognosen über das Leben des betreffenden Menschen zu stellen, war ein zentrales Thema. Sutorius legte das Werk erneut auf (UD 374), um einige kleine Schriften zum Thema erweitert.
Ein Thema, das bereits im eben genannten Werk auch eine Rolle spielte, war die Physiognomik, die Kunst aus der Kopfform und den Gesichtszügen Rückschlüsse auf die Wesenszüge eines Menschen zu ziehen. Dazu legte der italienische Gelehrte Giovanni della Porta (1535 - 1615) sein Werk „De humana Physiognomonia“ erstmalig 1586 vor. Der Druck der Neuauflage von Sutorius, Ursellis 1601 (UD 332) erfolgte auf Kosten des Verlegers Jonas Rosa.
Während vom Urseler Drucker Nicolaus Henricus im aktuellen Angebot des Buchhandels kein Buch zu finden ist, erscheinen Werke und Autoren aus dem Katalog des Sutorius mehrfach. Bei meinen Recherchen zum eben genannten UD 332 bin ich auf folgende Veröffentlichung aus dem Jahre 2003 gestoßen, die in der Deutschen Nationalbibliothek als gedruckte und als online-Ausgabe zu finden ist: Schneider, Heike : „Physiognomische Gesichtstypen in Giambattista Della Portas Werk „De Humana Physiognomonia“ analysiert mit modernen computerunterstützten Kephalometrischen Verfahren“.
Was wohl Cornelius Sutorius dazu sagen würde?

Am Schluss dieses Abschnittes soll der Hinweis auf das Signet des Cornelius Sutorius stehen, das er bereits im ersten Jahr seines Wirkens auf der Titelseite zeigt. Er zeigt damit an, dass Verleger und Käufer, aber auch Gelehrte und Bibliothekare, ein Markenprodukt vor sich haben.


Signet des Sutorius
Von Anfang an zeigt Sutorius sein Signet auf Titelseiten und am Ende seiner Drucke, wo es passend erscheint, entweder die große (links) oder die kleine Fassung (rechts) von 1601.

Das Bild von der Frau mit Anker und Spaten zeigt in der Umschrift den Text „In Spe et Labore“ - „In Hoffnung und Arbeit“. Die 1601 gestochene kleinere Fassung nennt außer Jahr und Name den Sinnspruch in der ausführlichen Formulierung, d.h. mit dem Zusatz „… transigo vitam“, „… verbringe ich mein Leben.“
Nicht nur die Zahl der mit der Ortsangabe „Ursellis“ bei Cornelius Sutorius gedruckten Werke, auch die Breite der Themen und die Ernsthaftigkeit Bildung und Wissen zu fördern, ist eindrucksvoll.


© 2017 - Manfred Kopp